18.05.2016 Fatoni + V.Raeter + Juse Ju @ Schraeglage, 29.04.2016

Gravitationswellen in Stuttgart entdeckt!

Wie der Main Man des Abends bereits treffend bemerkte, heilt die Zeit ja bekanntlich alle Hypes. Doch für den Benjamin Button des Raps scheint das nicht zu gelten, ganz im Gegenteil: Er wird nicht nur älter, sondern auch besser und bigger von Mal zu Mal. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis es auch in Stuttgart heißen musste: Fatoni? Ausverkauft! Wenn auch ohne unseren Lieblingsmenschen Dexter im Gepäck. Dafür mit bester Verstärkung durch V.Raeter an den Turnies und Homeboy Juse Ju als Opener und Featuregast.

Dieser eröffnete dann auch den Abend mit einer Show, die an beste Jugendhauszeiten erinnerte: mit dem Sampler auf der Bühne ging es erstmal so richtig oldschool zur Sache, mit Kick und Snare und Seriensoundtracks wie bspw. Akte X, das den gleichnamigen Juse-Song einleitete. Der MC aus Kirchheim/Teck war sich nicht zu schade, seine quasi Heimatstadt zu representen, obwohl er ja mittlerweile in Berlin lebt, aber „da hassen sie uns ja alle“. Wie später Fatoni beherrscht auch Juse zwischen Tracks wie „Untergrund bedeutet“ oder „Rebound Boy“ hervorragend das Einstreuen kleiner Slapstick-Jokes wie der „Tanzpause“, bei der eigentlich außer Wasser trinken nix passiert, oder dem gekonnten Parodieren verschiedener Trap-Bewegungen im doppelten Wortsinne. Was einerseits wahnsinnig unterhaltsam und andererseits auch immer gespickt mit kritischen Anspielungen auf die rappende Konkurrenz ist, vor allem bei der „Stan“-Hommage „Messias von Benztown“. Mein persönlicher kleiner Höhepunkt allerdings ist die Reunion von „Massig Jiggs“ mit Bonzi Stolle im „Batman Style“. Tag-Team, back again! Für das jüngere Publikum dürfte dieser angesichts des kollektiven Pogo wohl eher G-g-g-g-Unit, Verzeihung, G-g-g-g-“German Angst“ heißen.

Man nennt ihn gerne die Stimme seiner Generation, er selber bezeichnet sie eher als die einer räudigen Bergziege. Trotzdem gelingt Fatoni mit „Benjamin Button“ einwandfrei die Übernahme der jetzt schon sehr guten Stimmung. Zu diesen Dexter-Beats lässt es sich aber auch verdammt gut bouncen, egal ob „Authitenzität“ oder „Schlechter Mensch“. Zwischendurch aber mal „was ganz Anderes“ als Moderation: „Stuttgart – habt ihr Bock?“ Oder eine Freestyle-Runde über eine Zucchini (wtf?!), ein Heilbronn-Schild und einen Einkaufszettel aus dem Publikum. Egal was Fatoni sagt oder tut, wir feiern wirklich alles, was der Sp*st auf der Bühne sagt – Führerrhetorik! Get it?

Der „Semmelweisreflex“ wird dann im Arztkittel performed und es regnet Konfetti, bevor die Cypher im Publikum eröffnet und Feature-Tracks („Deutscher Rap“) aus dem gemeinsamen Album „Nocebo“ mit Edgar Wasser die entsprechende Roughness dazu liefern. Doch Fatoni kann sogar noch mehr. Etwas an dem viele deutsche Rapper schon gescheitert sind: Gitarre spielen! Lassen sie ihn Künstler, er ist durch. Und macht aus „Dicke Hipster“ mal eben eine Akustik-Version? - „C'mon das geht auch klüger!“ Man kann den Laden ja auch einwandfrei mit „ADHS“ oder „Kann nicht reden ich esse“ einreißen! Oder „Mike“ Skinner erst auf einem The Streets-Originalinstrumental covern und dann doch auf dem Album-Beat spielen, „weil die Stuttgarter immer einen Dexter-Beat wollen“. Oder „Kein Tag“ tatsächlich im Bademantel performen! Das Publikum dreht durch und schreit die Texte mit, erstrecht als auch noch Weekend und Juse Ju als Featuregäste auftauchen. Was „Vorurteile“ anrichten würde, war ja bereits abzusehen wie die Anmoderation. Stagedive, anyone? Einmal Bar und zurück! Dass aber der neue gemeinsame Song „Gravitationswellen“ so ein Live-Godzilla von einem Track werden würde, hätte wohl keiner (von uns) vorher geahnt.

Kann man das bei Zugabe noch toppen? Es herrschen zwar längst schon mehr als „32 Grad“, aber natürlich wird der trojanische Hit aus „Yo, Picasso“ trotz seines Inhaltes frenetisch gefeiert und kollektiv getanzt. Um uns zum Schluss dann doch wieder etwas runterzuholen (haha), entlässt uns Fatoni in einem schönen Lichtermeer zu „Schlafentzug“, den wir dann am nächsten Morgen auch alle zu büßen hatten, die wir da waren, auf dem besten Rap-Konzert seit langem in Stuttgart!

Text: MausDef

 

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