30.07.2015 HipHop Open 2015

HipHop Closed

So, das war's! Das letzte HipHopOpen aller Zeiten ist Geschichte. Endlich, ja endlich braucht sich keiner mehr über Line-Up, Ticketpreise und die Wasserversorgung aufzuregen. Hat doch auch was Positives, jedem Abschied wohnt ein neuer Anfang inne. So zumindest mein bescheidener Eindruck, wenn man sich die Leute vor, während und nach dem Festival so betrachtete und sich mit ihnen unterhielt. Wo man bei anderen, in die roten Zahlen geratenen Festivals noch Rettungsaktionen mit teilweise sogar orchestraler Unterstützung ins Leben rief, da sagt der Schwabe oifach: „Ade, war schee!“ Dann setzt er sich in die Öffis, fährt schnell zurück in seinen Kessel und rennt auf die seit ein paar Jahren scheinbar ach so wichtigen Aftershowpartys in seinen Wohnzimmerclub in der Innenstadt. Und vergisst beim üblichen Treiben, dass die Mutterstadt des deutschen Rap nun nicht mal mehr ein HipHop-Festival hat. „Tradition leben“, oder wie war das nochmal?

Liebes HipHop Open, der Abschied wird dir nicht gerecht. Seitdem wir uns im Jahr 2000 kennen gelernt hatten, haben wir uns jedes Jahr gesehen, außer einmal, als du in Mannheim warst. Viele Orte und Künstler haben wir gesehen, vom Pragsattel über die Waldau bis zum Wasen rockten einige der Besten deine Bühne(n): Snoop, LL Cool J, Wu-Tang, Cypress Hill, die Kolchose und die Mongo Clikke, Münchner, Berliner und Frankfurter, Österreicher, Schweizer, Franzosen und sogar Australier! Um nur einige zu nennen! Doch schon in den Anfangstagen konntest du es den Schwaben nicht so richtig Recht machen, selbst ein Hamburger fragte sich: „Wieso hat Stuttgart soviel Polizei?“ Und Vorschriften und Security und Absperrungen? Und du zu wenig Ami-Acts? Und immer die falschen? Und zu wenig Tage, Platz, Bier, Essen, Klos, Wasser... - Festival-Athmospäre? Wie man's macht, isch's nix. Und dabei hast du uns doch allen unvergessliche Momente beschert: Überraschungsgäste und -kollabos, Wetterkapriolen samt Freestyles, Skandale und Aufreger, historisch anmutende Momente von und für HipHop in Deutschland.

Auch dieses Mal hattest du mit dem unangekündigten Auftritt der Orsons und der Massiven Töne wieder einen solchen auf Lager, nur leider zum falschen Zeitpunkt für alle Second-Stage-Fans, die von Eko Fresh mal hören wollten, wieviele Styles deutscher Rap zu bieten hat. Um dich danach zwar nicht klang-, aber etwas belanglos im grünen Rauch des verstrahlten Marsianers aufzulösen. Dabei hatte doch alles so gut begonnen: bei angenehmen Temperaturen besang für mich erstmal Chefket einen guten Tag und alles war „Cool, easy, fresh“ dank „Rap & Soul“. Dann malten die Underachievers den etwas grauen Himmel erstmal indigo und purple an, was mir um die Uhrzeit aber noch nicht so reinlief. Die Kids zogen weiter zur Antilopengang, ich wartete lieber auf „die einzige Mucke“ des Dr. Cooper aus Moabit. Megaloh kam, sah und sorgte zuverlässig für Kopfnicken und freudige Erwartungen an sein neues Album „Der Regenmacher“. Ein anderer konnte diese für mich leider nicht erfüllen: Seit dem letzten Herbst abgesagten Konzert von Joey Bada$$ war nun die Neugier auf dessen Live-Qualitäten vielleicht zu groß. Trotz Static Selektah an den Decks und Reibeisenstimme am Mic mit nacktem Oberkörper über wirklich hervorragende Instrumentale passierte mir da live einfach zu wenig Herausstechendes. Skepta wäre da wohl die bessere Alternative auf der kleinen Bühne gewesen, habe ich mir sagen lassen.

Mittlerweile wurde das Wetter immer besser, um nicht zu sagen 30 Grad bosshaft. Zeit für den Boss aller Bosse Kollegah, den Rucksackrappern mal ein bisschen Bizeps entgegenzuhalten. Ich allerdings tat lieber etwas für meine Beine und meinen Hüftumfang und genehmigte mir einen Maultaschenburger samt schattigem Sitzplatz, wozu die Mucke der WSP-Jungs einfach besser passte. Waldo und Sonne Ra sorgten für die chilligen Vibes aus dem „Palmen & Freunde“-Album, danach überraschte uns Dexter am Mic und tat mit einer speziellen Kollabo mit „Döll88 und Maessin“ so dies, das, verschiedene Dinge. Da fanden die anwesenden Zivilbullen natürlich mal wieder ein Opfer.

Doch während wir noch „Weit entfernt“ von der Hauptbühne waren, begann dort bereits das Comeback zweier Deutschrap-Schwergewichte, die Stuttgart kennt und liebt. Wer hätte das gedacht, dass ich ASD nochmal als Favourite-Act abfeiern würde? Das war der Sound, das war der Boom, das waren Legenden, deren Rapshit perfekt zum letzten HHO passte. Ringsumher feiernde Meute in der Abendsonne, neue und alte Hits, die schon früher auf dem Open erklangen, retro und neu, Afrob und Samy Deluxe, Hamburg und Stuttgart, goldene Zeiten.

Derweil hatte der nächste mehr als feierbare Höhepunkt des Abends bereits begonnen: auf der Secondstage brachte Ssio in orangener „Kanalreiniger“-Uniform den Freunden des aktuelleren Rapgeschehens ein paar Nacken- und Schultermuskulatur-Übungen bei! Danach darfst du dir auch einen „Big King XXL“ gönn' und mit ins „Bonn 17“ nehm', „Nuttööö““! Völlige Eskalation mitsamt Moshpit gab's dann als Zugabe nach der Frage, ob das ein „gottverdammter Glockenbeat“ sei! Achja, und natürlich durften auch die Pomm- und Koalabären nicht fehlen!

ASAP zurück zur Hauptbühne, was ein hin und her jetzt. Rocky ist ja nun nicht gerade bekannt für die beste Live-Show seit dem splash! 2014, aber er arbeitet dran. Baut mal eben Nirvana und „Jump around“ in sein Set mit ein und zum Moshpit bei „Wild for the night“ gibt’s sogar Konfetti-Kanonen. Klar, der hat den Star-Status und den Kids gefällt's. Rap-mäßig aber eher so semi für mich.

Dann lieber zu einem, der spätestens durch seine „1000 Bars“ bewiesen hat, dass er alle Rap-Stile gemeistert hat: Eko Fresh versammelte vor der Secondstage zwar keine ganz so große Meute, stellte aber raptechnisch fast alle Rapper des Tages in den Schatten und brachte im Adidas-Anzug und auf Klassiker-Beats eine gehörige Portion Oldschool-Flavour mit! Keine Frage, der Junge hat HipHop gefressen wie wenig andere und rappte, dass dir der Mund offen stehen blieb! Als dann noch Chefket als Feature dazustieß und eine Tanz-Cypher im Publikum eröffnete, während Eko weiter easy flowte, kam Rap für einen kurzen Moment „aus den Charts zurück ins Jugendhaus“, „when we said 'fresh' way before 'swag'“! Fragt sich, ob jetzt wir oder das Mainstage-Publikum den besseren „HipHopOpen-Moment“ 2015 hatten.

Letztlich bleibt das halt auch Geschmackssache, klar. Genau wie der letzte Act auf dem letzten Open: Marsimoto. Die einen fanden das perfekt als letzten Live-Höhepunkt, denn auf die Augen und auf die Ohren gibt’s von Marsi schließlich immer. Grüner Rauch über der Stadt, endlich wird wieder gekifft, super Sound mit Liveband und das Wesen im grünen Overall, das Abstruses, Lustiges und Kritisches in seinen „Tijuana Flow“ verpackt. Straight up Garant für eine gute Party mit ordentlich Gezappel! Aber damit eben auch ziemlich weit weg vom Mindstate der Klasse von 2000, die noch auf dem Pragsattel die goldene Ära des Deutschrap und dessen Faszination des Neuen erleben durfte. Da hatten sich einige wohl doch einen angemesseneren Abschied von dieser Stuttgarter HipHop-Institution vorgestellt.

Allen Machern und Mitwirkenden dennoch ein großes DANKE für die ganze Arbeit der letzten Jahre und den Spaß, den wir dank euch haben durften. Alles Gute für die Zukunft! Und was jetzt nach dem Open kommen wird, das „werden wir dann mal sehen“. Peace!

Text: MausDef

 

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